Praxisorientierung im Studium und Praktikum


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Im Studium geht die Praxisorientierung mittlerweile über alles. Dies haben wir der Hochschulreform zu verdanken. Im Rahmen dieser Reform sollen die Studenten zu mehr Praxisnähe erzogen werden, um ihre „Berufsfähigkeit“ zu steigern. Heißt das jetzt, dass alle Studenten vor der Hochschulreform 'berufsunfähig' waren? - Ein Praxistest.

Als Studienanfänger kommt man da schnell ins Staunen. In etlichen Seminaren geht es nicht etwa um das Erlernen einer Wissenschaft, nein, es geht um den knallharten Praxisbezug. Es soll auf den Beruf vorbereitet werden. „Berufsorientierende Praxisstudien“ heißt dann das ein oder andere Seminar, mit denen Erstsemester gleich zu Beginn ihres Studiums drangsaliert werden. Vorbei die Zeiten, in denen man noch Student sein durfte. Heute müssen sich Studenten sofort beruflich orientieren und profilieren. Das muss nicht schlecht sein. Aber wie verändert das die Studentenkultur?

Früher war alles anders – theoretisch

Was bei aller Praxisnähe auf der Strecke bleibt ist nicht nur die Theorie. Die Auseinandersetzung mit der Theorie ist ein wichtiger Bestandteil der akademischen Ausbildung. Mit den Bachelor- und Masterstudiengängen hat sich das Studium verdichtet. Studenten müssen innerhalb kürzester Zeit ein enormes Pensum ableisten. Da bleibt nicht viel Zeit – zum Denken. Nicht wenige Professoren und Studenten sehen das so und leiden an der Reform.

Was waren das für Zeiten, wo man sich die Seminare noch aussuchen durfte, ohne unbedingt erscheinen zu müssen (Anwesenheitsliste?!), wo man ausschlafen konnte, Joints rauchen, Parties feiern und Protestieren - alles eben, was zu so einem richtigen Studentenleben dazu gehört. Und zwischendurch die Muse haben, sich so richtig viele Gedanken zu machen. Nein, nicht über den Beruf, sondern über Studieninhalte!

Heute rauchen die Studenten keine Joints mehr, sondern rauschen von Seminar zu Seminar – praxisnah, praxisnah – damit sie später fit sind für die emsige Arbeitswelt.

Schon ein Praktikum gemacht? Nein? Dann aber ran!

Zum neuen Praxisbezug der Hochschulreform gehört auch das obligatorische Praktikum. Studenten müssen (!) seit der Bologna-Reform im Rahmen ihrer akademischen Ausbildung ein Praktikum absolvieren. Dies gilt als eine Studienleistung, die ins Transkript (Studienbuch) eingetragen und dann mit 'Workloads' und 'Leistungspunkten' belohnt wird. Aber 'Workloads' und 'Leistungspunkte' können den wahren Wert eines Praktikums jedoch nur schlecht bemessen. Praktika dienen der Berufsorientierung und vor allem dazu, die theoretischen Grundlagen mit praktischen Erfahrungen zu bereichern. Wer ein Praktikum absolviert kann davon unglaublich profitieren, nicht nur aus der Perspektive der eigenen Berufskarriere heraus, sondern auch als Student. Ein Praktikum ist demnach ein Praxisbezug, der wirklich Sinn macht.

Praxisbezug ja, aber bitte mit Maß

Was im Rahmen eines Praktikums sinnvoll erscheint, muss nicht notwendigerweise innerhalb der universitären Ausbildung sinnvoll sein, vor allem dann nicht, wenn die Praxisnähe an den Unis bis zum Exzess ad absurdum geführt wird. Praxisbezug schön und gut, aber die akademischen Inhalte dürfen dafür nicht auf der Strecke bleiben. Das entwertet die akademische Ausbildung und macht die Unis nicht zu Orten der Wissenschaft, sondern zu Berufsschulen, in denen es lediglich um die Erziehung fleissiger Bienen für den Arbeitsmarkt geht. In diesem Sinne sollte darüber nachgedacht werden, den Praxisbezug an den Unis zugunsten der Wissenschaft wieder zurückzufahren - eine Reform der Reform sozusagen.

von Linn B.

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